Frei von Barrieren

Dies ist die zweite Episode von Staffel 3 in der Serie Didaktische Kleinigkeiten, diesmal geht es um Barrieren, und wie man sie online möglichst klein lassen kann. Wenn Sie die nächsten Beiträge der #netzwerkerinnen nicht verpassen möchten, abonnieren Sie unseren Blog!

Kurzer Einschub: wir erweitern unser Netzwerk, Frauen, die mehr erfahren möchten oder in Kontakt mit uns treten möchten, finden zusätzliche Informationen am Ende dieses Beitrags.

Worum geht es?

Die Prinzipien des Konnektivismus nach Siemens sind Offenheit, Autonomie, Diversität und Interaktion (Connectivism ist eine Art von Lerntheorie, die Digitales und das Web mit einbezieht und bereits 2005 formuliert wurde) . Diverse Inhalte im Web sind zugänglich für diverse Menschen. Ein Web ohne Barrieren ist eine schöne Vision, doch wie können wir, die wir im Web schreiben und kommunizieren und Online-Räume gestalten, dazu beitragen?

In der Hochschullehre, und gerade in der momentanen Online-Hochschullehre, sind wir uns oft gar nicht bewusst, dass gar nicht so wenige unsere Studierenden mit einer Beeinträchtigung lernen möchten. Nach den Ergebnissen einer Erhebung unter Studierenden 2015 gaben 12 % der Studierenden an, eine gesundheitliche Beeinträchtigung zu haben, die sich einschränkend auf das Studium auswirkt. Da kann zum Beispiel eine Hörbeeinträchtigung die (Online-)Kommunikation mit anderen, aber auch das Hören von Videos erschweren. Ich war im Wintersemester verunsichert, da einer meiner Studierenden blind ist, und in meiner Lehrveranstaltung der Erwerb von Webkompetenzen durch praktische Übungen gefördert wird. Es zeigte sich allerdings, dass der Kollege einer der aktivsten Poster war und zusätzlich in seiner Serie #Blindfacts über seinen Alltag berichtete.

Blind facts auf Twitter

Ich gehe davon aus, dass sich neben Hochschulen auch Trainingseinrichtungen und Workshop-Anbieter*innen dieser Herausforderung stellen müssen.

Wie lösen wir das Dilemma?

Wie viele andere Dilemmata werden wir auch dieses Dilemma nicht vollständig lösen können. Durch das Lesen dieses Artikels wird uns jedoch das Thema bewusst(er), daraus können sich weitere erste Schritte entwickeln.

Viele der folgenden Informationen stammen aus dem Webinar „Digitale Barrierefreiheit und Inklusion“ am 25.2.2021 online an der Universität Graz (Expertinnen Simone Adams und Barbara Levc), das meine Kollegin Irmgard Schinnerl-Beikircher besuchte.

An einer Institution, wie der Hochschule oder in einer Firma, ist es wichtig, die Herausforderung der Barrierefreiheit aktiv anzugehen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die es den Betroffenen erlaubt, sich nicht nur als Einzelkämpfer*innen in diesem Feld zu bewegen. Eine Möglichkeit wäre, eine eigene Stelle einzurichten, an die sich Lernende vorab wenden können, um über ihre Beeinträchtigung zu informieren und die als Verbindung zwischen den Trainer*innen und den Betroffenen fungiert. Das Zentrum Integriert Studieren der Uni Graz ist eine solche Anlauf- und Verbindungsstelle, die auch Webinare zum Thema anbietet.

Wenn man diese institutionelle Unterstützung nicht hat, kann man als Lehrende*r oder Trainer*in trotzdem versuchen, das eigene Lernangebot so weit als möglich barrierefrei anzubieten. Beginnen könnte man z.B. durch ein Vorabmail, in dem die Lernenden ermutigt werden, ihre Bedürfnisse an die Lehrperson zu artikulieren.

Link zur Seite https://digitales-lehren-und-lernen.uni-graz.at/de/services/digitales/

Während der Umsetzung der Lehrveranstaltung oder des Trainings gilt es ein paar Grundregeln zu beherzigen:

  • (Lern-)Inhalte sollen über mindestens zwei der drei Sinne – Sehen, Hören und Tasten – erfassbar sein (Zwei-Sinne-Prinzip)
  • Je flexibler Lernangebote sind, desto eher können möglichst viele Teilnehmer*innen das Angebot nutzen (Universal Design for Learning UDL).
  • Jede Person mit Einschränkungen hat individuelle Bedarfe – und ein bisschen eingeschränkt sind die meisten Menschen, denke ich mir, wenn ich morgens weder mit noch ohne Brille etwas sehe.

Assistive Technologien

Viele dieser Lernenden sind auf Assistive Technologien, wie z.B. Screen-Reader, Spracheingaben, Vergrößerungssoftware, Braille-Zeile u.a. angewiesen. Um die Technologien einsetzen zu können, müssen Dokumente, Webseiten und Videos entsprechend aufbereitet sein.

Konkrete Tipps

  • In Dokumenten ist es wesentlich Formatvorlagen zu verwenden, da diese die nötige Struktur für assistive Technologien liefern.
  • Eingefügte Bilder/Grafiken brauchen einen alternativen (beschreibenden) Text.
  • Ein Screen-Reader kann nur vorlesen, was als Text formuliert ist.
  • Tabellen sollen (wenn überhaupt notwendig) so einfach als möglich gehalten werden.
  • Ein PDF soll mittels „Speichern unter“ erstellt werden und so die nötigen Metainformationen enthalten und nicht über die Druckfunktion.
  • In einer Videokonferenz sollte man den Lernenden verschiedene Möglichkeiten zur Interaktion anbieten, etwa Kommunikation über Chat oder per Tonübertragung.
  • In formalen Szenarien muss insbesondere bei Prüfungen gezielt auf die Bedürfnisse der beeinträchtigen Lernenden eingegangen werden (z.B. mehr Zeit zur Verfügung stellen, einen eigenen Raum, eine/n eigene/n Assistenten/in).  
  • Als Unterstützung für die Vorbereitung des universitären Unterrichts bietet die Universität Graz Handreichung für einen inklusive Lehre an, auch auf der Website zu Barrierefreie Lehre der Universität Wien finden sich nützliche Infos.

Ein weiterer Gedanke

Elisabeth Müller, Technische Redakteurin

Barrierefreie Inhalte sind essentiell für 10 %, notwendig für 40 % und komfortabel für 100 %.

Dieses Zitat wurde auch von vielen anderen bereits gesagt, doch Wiederholen schadet nie 😉

Expertin für „Barrierefreiheit in der digitalen Welt“ und technische Redakteurin Elisabeth Müller, Mitglied der #netzwerkerinnen

Übrigens gibt es am 01.07. 2021 von 13 – 15:30 einen Online-Workshop zum Thema Informationen barrierefrei zur Verfügung stellen mit Elisabeth Müller, hier der Link zu weiterer Info und zur Anmeldung. Und hier noch ein informatives Video zu Barrierefreiheit von ihr.

Meine Checkliste

  • Ich erkundige mich, ob es in der eigenen Institution Unterstützung zu diesem Thema gibt. Wenn ja, lasse ich mich beraten.
  • Ich erfrage, ob es in meiner Studierenden- oder Trainingsgruppe jemanden mit besonderen Bedürfnissen gibt und welche Hilfestellung ich geben kann.
  • Ich beachte, dass meine Lern/Lehrmaterialien divers sind und mindesten zwei von drei Sinne ansprechen.
  • Ich biete verschieden Möglichkeiten an, den Inhalt des Trainings oder der Lehrveranstaltung aufzunehmen.
  • Ich biete verschieden Möglichkeiten an, am Lernprozess beizutragen und sich zu engagieren.
  • Ich gestalte meine Unterlagen so, dass Assistive Technologien diese bearbeiten können.
  • Ich adaptiere die Prüfungsmodalitäten für Personen, die das brauchen.

Viel Erfolg bei der Implementierung von ersten Schritten, Irmgard Schinnerl-Beikircher & Jutta Pauschenwein alias jupidu

Referenzen

Infos zur Netzwerkerweiterung

  • Wer wir #netzwerkerinnen sind,
  • was wir erforschen,
  • was wir anbieten. Der erste Kontakt mit uns kann im Rundgang mit Natasa Sfiri zu Stande kommen.
  • An der Teilnahme interessierte Frauen können sich in diesem Formular für das Netzwerk anmelden
Die Angebote im grünen Bereich stehen allen Frauen zur Verfügung, Austausch und gemeinsames Lernen im rosa-grauen Bereich richtet sich an Frauen, die dem Online-Netzwerk beigetreten sind.